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Bildungsauftrag – oder: Ist Einbildung auch eine Bildung?

Nichts Neues: Schulen haben einen gesetzlich festgelegten Bildungsauftrag. Dass Bildung vielfältig und in Deutschland Ländersache ist, spiegelt sich ziemlich deutlich in den einzelnen Schulgesetzen wider: Je nachdem, wie die geschichtlichen, kulturellen, sozialen Gegebenheiten eines Bundeslandes sind, werden andere Schwerpunkte gelegt. Nichtsdestoweniger findet sich in allen Gesetzen unter dem Punkt „Bildungsauftrag“ der Begriff „Verantwortung“ (oft mehrmals) wieder.

 

Die Notwendigkeit, Schüler*innen

  • Verantwortung zu „vermitteln“,
  • sie zu Verantwortung zu „befähigen“ oder zu „erziehen“,
  • sie auf die Verantwortungsübernahme „vor[zu]bereiten“,
  • in ihnen das Verantwortungsgefühl zu „wecken“,

ist allen Gesetzestexten eingeschrieben – wenn auch die Rolle der Schule dabei unterschiedlich wahrgenommen und beschrieben wird: mal zaghafter, mal entschiedener, mal mehr lehrseits, mal mehr lernseits gedacht. Alles in allem: schön und gut.

 

…oder?

 

Manche Bildungspionier*innen, die wohl Bekannteste unter ihnen Margret Rasfeld, sehen das allerdings anders: Sie sind der Meinung, Schulen kommen ihrem Bildungsauftrag nicht nach. Mit dieser Anklage wiederum erklären (und legitimieren) sie ihre mutigen Projekte, die weg von der Wissensvermittlung, hin zu einer Öffnung der Schule in Richtung Welt gehen. Sie rufen Projekte ins Leben, die alte Strukturen aufbrechen, um eine neue Schul-/Lernkultur zu erschaffen. Statt im Klassenzimmer zu sitzen, wird Getreide gepflanzt, statt Rechenaufgaben zu lösen, wird im Handwerksbetrieb gearbeitet, statt auf dem Schulhof zu lümmeln, wird in sozialen Einrichtungen mitgeholfen.

 

Verantwortung erleben statt erlernen

 

Die Idee dahinter ist einfach und intuitiv: Verantwortung kann weder erzogen noch vermittelt werden. Niemand kann zu Verantwortung befähigt, niemand darauf vorbereitet werden – vor allem nicht, wenn es die Theorie nie in die Praxis schafft. Verantwortung wird gelernt, indem sie gelebt wird. Deshalb besteht das Schulfach „Verantwortung“, das es mittlerweile in die Stundentafeln von ca. 400 Schulen in Deutschland geschafft hat, auch nicht aus dem Ausfüllen von Arbeitsblättern, sondern darin, dass Schüler*innen rausgehen und Verantwortung übernehmen.

 

Diese Idee ist gewiss nicht neu – das einzig Neue ist ihr Ankommen in der Realität der staatlichen Schulen. Während nämlich private Schulen und Schulen in freier Trägerschaft (Stichwort: Waldorfpädagogik) schon lange in diese Richtung denken, sickern diese Erkenntnisse nun auch langsam in die staatlichen Schulen. Und: Ein Blick in die Bildungslandschaft zeigt, dass es jetzt schon viele Wege hin zu gelebter Verantwortung in Schulen gibt und dass Mut und Kreativität auch in den starreren Strukturen staatlicher Schulen einiges an Freiraum dafür schaffen. Besser ist das!

 

Oder, um es mit dem polnischen Lyriker und Aphoristiker Stanislaw Jerzy Lec zu sagen:

"Ich hätte viele Dinge begriffen, hätte man sie mir nicht erklärt."

 

Bild: suju (Pixabay)

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© Clara Baumgartner